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Straßen nach Tibet

Datum: 14.08.2018, 09:27 Quelle: China Tibet Online


Tang Zhaoming macht Interviews während seines zweiten Besuches im Niemandsland. (Foto von 1988)

Vor 30 Jahren

Man weiß nicht, warum sich der Leiter des Shuanghu-Büros im Regierungsbezirk Nagqu des Autonomen Gebiets Tibet, Sonam Gangbung fürchtete, als er das Wort „Journalist“ hörte. Früher hatte er bei mehreren Lhasa-Besuchen das Interview eines Journalisten mit den Familiennamen Tang abgelehnt mit Ausreden wie „Es gibt nichts, worüber ich interviewt werden könnte“ und „Ich habe nichts zu sagen“. Was er nicht erwartet hatte, war, dass der Journalist Tang ihn bis zum Niemandsland in Nordtibet folgte.

„Ich werde die Materialien, die du möchtest, für dich finden. Was du wissen willst, teile ich dir mit. Wenn du ein Fahrzeug benötigst, werde ich für dich das Problem lösen. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Journalist in der Kabine eines LKW sitzt und ins Niemandsland reist. Du bist der erste.“ Später hat sich Sonam Gangbung mit Journalist Tang befreundet. Tang hat auch den lokalen Bürgern viele Überraschungen mitgebracht.


Das alte Aussehen des früheren Kreises Nyima. (Foto von 1987)


Das neue Aussehen der Kreisstadt Nyima. (Foto von 2016)

Such nach Siedlern – Eintritt ins Niemandsland

Das Niemandsland in Nordtibet hat eine durchschnittliche Höhenlage von zirka 5000 Metern. Wegen der Höhe, Kälte und des Mangels an Sauerstoff sowie des schlechten Klimas wird es als „verbotenes Gebiet des Lebens“ bezeichnet. 1976 hat die tibetische Regierung das Wenbu- und das Shuanghu-Büro (heute die Kreise Nyima und Shuanghu) hier aufgestellt. Mehr als 2000 Viehhirten trieben 520.000 Zugtiere, traten in dieses Niemandsland ein und begannen ihr Zuhause aufzubauen. Nach diesen Siedlern wollte Tang Zhaoming suchen.

„Ich habe 1986 mein Studium am Chinesischen Institut für Journalismus absolviert. 1987 wurde ich von der Niederlassung Qinghai der Nachrichtenagentur Xinhua an die Niederlassung Tibet versetzt.“ Tang sagt, damals sei man normalerweise mit dem Flugzeug nach Chengdu gereist, und dann von Chengdu nach Lhasa. Er sei aber einen anderen Weg gegangen. „Damals bin ich nach Tibet mitgefahren und habe während der Fahrt Interviews gemacht. Ich wollte nur die lange Qinghai-Tibet-Straße mit Wind und Schnee erleben, weil es sich um die große Verkehrsschlagader von Tibet handelt. 70 bis 80 Prozent der Güter nach Tibet mussten über diese Route transportiert werden.“ Die Interview-Fahrt dauerte mehr als 20 Tage. Er fuhr durch Nordtibet. Die vielen Geschichten unterwegs haben sich ihn in dieses Land verlieben lassen. Nach der Ankunft in der Journalistenstätte in Lhasa wählte er Nordtibet als ersten Interviewort aus.

„Warum habe ich das Niemandsland in Nordtibet ausgewählt? Weil ich als Journalist journalistisches Neuland besuchen muss. Früher hat niemand über diesen Ort, über die Erschließung des Niemandslandes berichtet. Die Außenwelt hatte keine Ahnung von der dortigen viehwirtschaftlichen Produktion und dem Leben. Ich wollte nach diesen Siedlern suchen, sie verstehen und interviewen.“ Dafür hat Tang 1987, 1988 und 1989 jeweils im Sommer, Herbst und Winter das Niemandsland in Nordtibet besucht.


Die frühere „Eisenblechstadt“ – die Gemeinde Nagqu (Foto von 1987)

Der „Bettler“ in der Nacht

In einer Nacht vor 30 Jahren pfiff der Wind so stark, dass die mit weißen Eisenblechen eingerichteten Häuser klangen, als ob die Dächer abgehoben würden. Wegen des unpraktischen Verkehrs war es schwer, Ziegel und Fliesen zu benutzen. Alle lokalen Häuser verfügten über ein Eisenblechdach. Es schien, als ob die Gemeinde Nagqu unter einem schwarzen Vorhang versteckt wurde. Der einzige beleuchtete Ort war das Restaurant Nagqu, das auch das beste Haus in der Gemeinde war. In diesem Moment stoppte ein Lastkraftwagen in der Nähe. Daraus sprang ein großer Mann, der ungekämmt und ungewaschen war und eine große Tasche trug. Der Wagen fuhr weg. Der Mann ging schnell zum Licht des Restaurants und wollte „einbrechen“. Eine Bedienung sah seine Gestalt und stoppte ihn sofort: „Raus, raus! Du darfst nicht hier betteln. Wie kannst du hierherkommen? Raus, los!“ Damals aßen einige Gäste an einem Tisch. Einer betrachtete den „Großen“ vor dem Eingang einige Sekunden und sagte der Bedienung: „Vertreib ihn nicht. Er ist kein Bettler. Ich habe ihn in Lhasa gesehen. Es ist der Journalist Tang Zhaoming von der Nachrichtenagentur Xinhua.“

Damals war Tang bereits seit mehr als vier Monaten im Niemandsland. Er hatte einige Tage gewartet, bis ein Wagen ihn zur Gemeinde Nagqu brachte. Innerhalb der vier Monate stand er den Problemen von Verkehr, Essen und Sprache gegenüber. Manchmal sah er auf einer Fläche von 50 und sogar 100 Quadratkilometern gar keine Familie. Nach einer Wanderung am ganzen Tag traf er keinen Menschen. Er war von der Reise schmutzig und müde, sah ungepflegt aus und litt unter Hunger und Kälte, was zu dem Missverständnis geführt hatte.


Das erste Gebäude der Solarenergie der Gemeinde Nagqu – das Gebäude der Kommission für Wissenschaft und Technik Nagqu. (Foto von 1987)


Eine Yak-Skulptur in der Gemeinde Nagqu (Foto vom August 2012)

Sperrung durch Eis und Schnee gehört der Vergangenheit an

Das damalige Nordtibet beschreibt Tang nun mit dem Satz „Die Bedingungen waren schlecht“. Wie schlecht waren sie eigentlich? An dem Ort auf einer Höhenlage von mehr als 5000 Metern erreicht die niedrigste Temperatur im Winter minus 40 Grad Celsius. Der starke Wind kann die Schafe in den See blasen. Unter solchen Bedingungen haben die ältesten Siedler überlebt und in der schwierigen Umgebung ein eigenes Zuhause aufgebaut.

Zwischen den mehr als 30 Jahren von 1987 bis 2018 hat Tang Zhaoming alle elf Kreise in Nordtibet besucht und ist zehnmal ins Niemandsland gereist. Was ihn am tiefsten beeindruckt, ist die Veränderung des Verkehrs.

„Damals trug ich ein paar Tüten Instantnudeln bei mir und kam mit einem LKW im Kreis Baingoin an. Von Baingoin bis nach Shuanghu dauerte dann die Fahrt mit dem LKW normalerweise eine Woche. Es gab nur Erdstraßen. Es war wirklich so, dass das Auto auf den Straßen und man selbst im Auto springt. Oft fand ich eine Beule am Kopf, die vom Stoß im Schlaf verursacht wurde, weil der Verkehr zu schlecht war. Es gab gar keine Straßen. Die Straßen bildeten sich, weil viele Fahrzeuge darauf gefahren sind.“ Tang sagt: „Damals gab es wenige Autos. Einmal wollte ich vom Wenbu-Büro mitfahren, habe aber eine Woche warten müssen.“

Weil der Verkehr unpraktisch war und die großen Regionen in Nordtibet dünn besiedelt waren, war der Schulbesuch der Kinder früher auch schwierig. Im fünften oder sechsten Schuljahr kannten sie nur wenige Schriftzeichen. Ein Lehrer ritt zur Schule und lehrte einige Schriftzeichen. Zwei bis drei Monate später konnte er erst zurückwandern, um einige andere Schriftzeichen zu lehren.


Ein Gemischtwarenmarkt in der Gemeinde Nagqu (Foto von 2012)

Wegen des unpraktischen Verkehrs hatten die Viehhirten große Schwierigkeiten mit Essen, Wohnen und Reisen. Im Jahr gingen sie nur einmal beim Pferderennen-Fest heraus und nahmen an der Messe des Warenaustausches teil. Dabei kauften sie Tee und Hochlandgerste, um den langen Winter zu verbringen. Damals gab es wenige Autos. Die Güter wurden hauptsächlich von Yak- und Schafkolonnen transportiert. „Früher trug die Yak-Kolonne das Salz und fuhr einmal ein halbes Jahr. Die größte Kolonne, die ich gesehen habe, bestand aus mehreren Hunderten Yaks. Das Transportieren der Güter schädigte die Yaks und Schafe sehr. Wenn ein Schaf die Güter trug, befestigte man einen Beutelgurt auf den Rücken des Schafes. Eine Seite war vier Kilogramm schwer. Ein Schaf konnte acht Kilogramm tragen. Nach einer langen Fahrt war die Haut wund gescheuert. Wenn der Beutelgurt abgenommen wurde, sah man seine inneren Organe. Aber es gab keine andere Lösung, weil der Verkehr unpraktisch war.“ Damals aß man trockenes Gemüse und Konserven. Es gab weder frisches Gemüse noch Kantinen. Die einzige Verbesserung war, dass die Kreisregierung einmal im Jahr LKW nach Lhasa sendete, um Gemüse zurück zu transportieren. Wegen der schlechten Situation der Straßen blieben die Wagen oft im Lehm stecken. Nach der eine Woche langen Rückfahrt war die Hälfte des Gemüses durch die Erschütterung nicht mehr essbar.


Das auf dem Gemischtwarenmarkt verkaufte Yak-Fleisch (Foto von 2012)


Viehhirten melken Schafe vor dem Kraftwerk für Wind- und Solarenergie. (Foto von 2009)

Tangs Meinung nach hat das Niemandsland in Nordtibet seit Jahrzehnten die Veränderungen, die das ganze Jahrhundert durchziehen, erlebt. „Im vergangenen Jahr dauerte meine Fahrt mit dem Auto zum Kreis Shuanghu nur einen Tag. Alle Straßen sind Asphaltstraßen. Die Straßen erstrecken sich zum Niemandsland in Nordtibet. Die Viehhirten fahren ihr eigenes Auto. Jede Familie hat zwei bis drei Motorräder. Viele Viehhirten besitzen LKW und Privatauto. Die Fernbusse fahren bis nach Shuanghu und Nyima. Das war in der Vergangenheit unvorstellbar.“


Ein junger Mann fährt in der Gemeinde Shuanghu ein Motorrad. (Foto von 2009)

Autor: Wu Jiangying

(Redakteur:Soong)
 

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