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Geschichte aus Nordtibet – „Kälte und Hitze“ von Soinam Gongbu

Datum: 18.11.2019, 09:28 Quelle: China Tibet Online

Das Bild zeigt Tang Shaoming (rechts) und Soinam Gongbu im Jahr 1988.

Das Bild zeigt Tang Shaoming (rechts) und Soinam Gongbu im Jahr 2012.

Das Bild zeigt, wie sich Soinam am Computer eines Freundes Fotos anschaut.

Die Nordtibeter sind immer geradlinig. Sie reden und handeln immer direkt und ohne Umschweife. Allen gegenüber haben sie eine Haltung. Dies führt dazu, dass es manchmal zu geringfügigen Missverständnissen kommt. Ich habe mit Soinam Gongbu, dem ehemaligen Direktor der Dienststelle Shuanghu, über eine Geschichte gesprochen, in der wir von „Kälte“ zur „Hitze“ übergegangen sind.

Im Hochsommer 1987 bin ich zum ersten Mal ins menschenleere Gebiet gekommen. Er war nicht zu Hause. Ich hatte keine Gelegenheit, ihn anzutreffen. Die Geschichte, dass er sich traute, mit wilden Yaks umzugehen, habe ich zu hören bekommen. Bevor ich ihn gesehen habe, hatte ich mir eingebildet, dass er bestimmt ein furchtloser, stattlicher, temperaturvoller, freimütiger, tibetischer Funktionär wäre.

Zum ersten Mal haben wir uns im Oktober 1988 gesehen, und zwar auf einer Konferenz in Lhasa. Da ich gehört hatte, dass jemand von der Dienststelle Shuanghu gekommen ist und er in der Herberge des Autonomen Gebiets Tibet abgestiegen sein würde, wollte ich mal vorbeischauen.

Unerwartet wurde mir von diesem nicht großen, aufrichtigen Soinam Gongbu die kalte Schulter gezeigt und ich habe keinen freundlichen Empfang bekommen.

Als er gehört hat, dass wir Reporter sind und Informationen von der Dienststelle Shuanghu bekommen wollten, hat er uns mit einem Satz zum Schweigen gebracht: „Über Shuanghu ist nichts zu berichten“. Nach diesen Worten ist er allein aus der Tür hinausgegangen, ohne einen Blick auf uns zu werfen.

Zum Glück hat Gelai, Sekretär der Dienststelle Shuanghu, im selben Zimmer der peinlichen Lage ein Ende bereitet und uns freundlich Informationen gegeben. Soinam Gongbu ist einige Male hinausgegangen und wieder hereingekommen. Anscheinend hatte er eine stille Wut gegenüber Reportern. Zum Schluss konnte er sich nicht mehr beherrschen und hat Sekretär Gelai unterbrochen: „Ich habe keinen guten Eindruck von euch Reportern. Geht raus!“ Bei Interviews haben wir selten erlebt, dass wir rausgeworfen wurden.

Später habe ich etwas über die Gründe erfahren. 1987 hat ein Team im Norden der Steppe Shuanghu wilde Yaks fotografiert. Damals hat Soinam Gongbu, Vizesekretär der Dienststelle, das Team dorthin begleitet. Beim Fotografieren ist ein gereizter wilder Yak auf ein Fahrzeug zugestürmt und es war kritisch. Soinam Gongbu, der für die Sicherheit Verantwortung trug, musste schießen. Danach hat ein mitgereister Fotograf das Foto des erlegten Yaks nach der Rückkehr in Beijing in einer Zeitung veröffentlicht, um die Gesellschaft zum Schutz wilder Tiere aufzurufen. Von oben nach unten wurde ermittelt und Soinam Gongbu wurde der schwarze Peter zugeschoben. Das erzürnte ihn sehr. „Ich wollte ihre Sicherheit garantieren und erschoss daher den Yak. Und nun haben sie mich angezeigt!“ Er war verärgert und entwickelte eine Abneigung gegenüber Reportern. Dies hat er an uns abreagiert.

Im November 1988 bin ich zum zweiten Mal ins menschenleere Gebiet gekommen. Da hatte der 36-jährige Soinam Gongbu das Amt des Direktors der Dienststelle Shuanghu inne. Diesmal hat er gesehen, dass ich im Winter allein mit dem Auto ins menschenleere Gebiet gekommen bin, weswegen er mir gegenüber von Anfang an freundlich war. Er sagte, dass er im letzten Monat unfreundlich zu mir gewesen ist. Nun ist der Reporter trotz Mühe auf der Pritsche eines LKWs ins menschenleere Gebiet gekommen und daher hat er seine Meinung gegenüber Reportern geändert.

Am Abend des zweiten Tages hat er mich extra für lange Gespräche in sein Haus eingeladen und mir seine Entschuldigung für den Vorfall in Lhasa bekundet. Er hat mir ein Glas Schnaps eingeschenkt und mir selbstgemachte Teigtaschen mit einer Lammfleischfüllung angeboten. Er hob sein Glas und sagte aufrichtig: „Deine Ankunft von gestern Abend rührt mich. Sekretär Gelai sagte mir, dass er dich als Reporter der Nachrichtenagentur Xinhua bewundert!“ „Das Lob mag übertrieben sein!“ So habe ich seine Worte sofort korrigiert. Soinam war etwas aufgeregt und wurde immer lauter. „Viele Menschen bekommen Angst, wenn von Shuanghu die Rede ist. Sie trauen sich gar nicht, hierher zu kommen. Du bist zweimal hierher gefahren und das ist bemerkenswert für einen Han-chinesischen Reporter. Du bist der beste Freund von uns Shuanghu.“ Ohne Speisen hat Soinam trotzdem fröhlich getrunken. Er sagte weiter: „Ich glaube an deine Ausdauer und Entschlossenheit. Ich glaube auch, dass du etwas leisten kannst. Aber diesmal geh am besten nicht zur Gemeinde Gacuo.“ „Warum?“, fragte ich verwirrt. „Weil sie hoch gelegen und dort gerade Winter ist. Ich befürchte, dass du eines Tages zusammenbrechen wirst. Infos, die du brauchst, kann ich dir geben.“

Ich schaute mir den tibetischen Funktionär an und Wärme stieg in mir auf. Trotzdem sagte ich ihm: „Ich muss mal die Gemeinde Gacuo besuchen.“ Außerdem erklärte ich ihm die Wichtigkeit der Untersuchung. Zum Schluss stimmte Soinam zu, aber er war besorgt hinsichtlich meiner Kost und Logis sowie meiner Gesundheit. Daher hat er mir immer wieder Ratschläge gegeben.

In den Jahren danach stehen wir in engem Kontakt und haben eine gute Beziehung zueinander. In den 90er Jahren wurde ich nach Beijing versetzt. Er kam nach Beijing und versuchte, Geldmittel zum Schutz wilder Tiere zu bekommen. Daher begleitete ich ihn jeden Tag zum damaligen staatlichen Forstministerium. Damals sagte ein Funktionär des Ministeriums lächelnd: „Du forderst Geld für Shuanghu mit der Begleitung eines Xinhua-Reporters. Das ist bemerkenswert!“

Vor einigen Jahren haben wir uns bei seiner Schwester in der Gemeinde Qinglong des Kreises Bange gesehen. Als das Gespräch losging, sprach er lachend über seine „rüde“ Vergangenheit und erinnerte sich an die unvergesslichen Tage, die wir in Beijing verbracht hatten.

(Redakteur: Daniel Yang)

 

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